Sportuhren

Sportuhren

Aus gegebenem Anlass möchte ich ein paar Sätze schreiben zur völlig aus dem Ruder gelaufenen Bedeutung von Sportuhren, GPS-Uhren, Trainingsuhren, Pulsuhren oder wie auch immer man die neudeutsch „Wearables“ nennt, also Uhren, die man am Handgelenk trägt und die einem angeblich wahnsinnig viele wertvolle Informationen zum eigenen Training anbieten.

Auf der einen Seite verstehe ich die Menschen. Viele Athleten wollen Informationen haben zum geleisteten Training oder der Wettkampf-Performance. Und selbstverständlich verstehe ich die Industrie, die diesen Informationshunger nur allzu gerne stillt und weiter anfacht.

Hierzu zwei Betrachtungen von mir. Die erste Frage, die wir uns in allen Dingen des Lebens stellen sollten ist

Warum?

Warum betreibe ich den Sport überhaupt? Was ist meine wirkliche Motivation dahinter? Warum gerade Laufen oder Triathlon? Warum Lang- oder Kurzdistanz? Und irgendwann kommt eben auch die Frage nach dem WARUM mit Trainingsuhr trainieren? Was will ich mit den Daten anfangen? Kann ich sie überhaupt richtig interpretieren? Wozu sollen sie nützen? Will ich mir gar wertvolle Stunden mit dem Hochladen, Runterladen, Zeichnen von Graphen und der Interpretation um die Ohren schlagen…statt zu trainieren? Und dann lieber allen, die es (nicht) hören wollen die Ohren volljammern, wie wenig Zeit ich doch für’s Training habe?

Sportuhren

Messinstrument?

Die zweite Betrachtung geht dahin, WAS GENAU mir denn diese Trainingsuhren wirklich liefern. Denn die vorherrschende Meinung scheint zu sein, dass sie mir exakte Messdaten liefern. Tun sie das? MITNICHTEN! Wie die zwei Bilder oben als Beispiel belegen, haben wir es in aller Regel mit „Schätzeisen“ zu tun und in keinster Weise mit exakter Wissenschaft. Und das aus meinen Tests vollkommen unabhängig vom Hersteller oder Modell. Ja, auch die 1.000 Euro teuere „Superstar-Uhr“ suggeriert nur bessere Daten, liefert aber bestenfalls grobe Anhaltspunkte. Im obigen Beispiel bin ich 8 Hill Reps (Hügelsprints) auf dem immer gleichen Bergpfad gelaufen – im unteren Bild zentral der Trail, im obigen das, was die GPS-Uhr aufgezeichnet hat. Das Ergebnis ist zwar erheiternd, aber als Datenlage völlig unbrauchbar.

Vergleichbarkeit

Ich realisiere natürlich, dass viele Athleten (und Menschen allgemein) sich ständig vergleichen müssen. Aber auch hier: WOZU? Und wenn, dann ist das doch höchstens in einem Wettkampf sinnvoll. Selbst die Betrachtung, dass ich mich mit mir selbst vergleiche, hinkt. Denn wie sich (hoffentlich) mittlerweile zumindest beim Thema „puls-basiertes Training“ rumgesprochen hat, sind die erhobenen Daten alles andere als vergleichbar. Zumindest, wenn man es exakt wissenschaftlich angehen will, sind die Daten bestenfalls ein wenig aussagekräftige Momentaufnahme, schlechtestenfalls nutzlos. Das schreibt natürlich niemand, weil sie alle davon profitieren, dass möglichst viel verkauft wird: Die Hersteller sowieso, aber auch die Coaches – die mitunter tatsächlich an die Daten glauben wie an die Heilkraft von Globuli – und natürlich auch die Medien, die Anzeigen für die ganzen Gadgets verkaufen möchten.

Ergebnis

Das gilt de facto auch für andere erhobene Daten (wie z.B. hochwissenschaftliche Leistungsdiagnostiken unter Laborbedingungen). Sauber betrachtet sind einfach zu viele Variablen im Spiel, die wir (1) nicht im Griff haben bzw. im Moment beeinflussen können und (2) die im Moment der Datensammlung mehr oder weniger stark die Ergebnisse beeinflussen. Als Beispiele seien Variable genannt wie Qualität des Schlafs, Dehydration, Stress, familiäres Umfeld, Temperatur, Training vor dem Training/der Diagnostik…um nur ein paar Wenige zu nennen. All das und vieles mehr beeinflusst das Messergebnis. Und hier zurück zum Kern dieses Artikels: Ja, eben auch die Genauigkeit der Daten.

Kritische Relektion

Ich werde hier nicht das Rad zurück drehen. Athleten werden auch weiterhin völlig überteuerte Produkte in Massen kaufen, die versprechen, ihr Training zu verbessern. Du darfst Dich an dieser Stelle aber fragen, ob sie das wirklich tun und wie genau sie das tun. Denn das Schlimmste kommt ja noch: 35 Jahre Erfahrung im Triathlon zeigen mir, dass ich noch absolut NIEMANDEN getroffen habe, der durch die technischen Helferlein besser geworden wäre. Das kommt von ganz einfachem, kontinuierlichen Training (aber das erscheint vielen eben zu einfach). Statt dessen sehe ich mehr und mehr Athleten, denen jegliches Körpergefühl fehlt bzw. es abhanden gekommen ist. Und das finde ich schade.

Dann kommen nämlich regelmäßig von hochgelobten Coaches so Aussagen wie „Der/Die Athleten haben gut trainiert und sind perfekt auf das Rennen vorbereitet. Die Watt-Werte/Puls-Werte/“Was-auch-immer-Werte“ sprechen eine eindeutige Sprache – Top 10 muss drin sein!“ Und dann wird es plötzlich Platz 47, der Athlet ist enttäuscht und die Coaches (für einen Moment) etwas still.

Anekdote

Ich trainiere mit einem befreundeten Athleten kurz vor Kona und wir machen eine Koppel-Einheit. Als wir vom Rad runter die ersten paar hundert Meter laufen, meine ich scherzhaft zu ihm: „Du, wenn wir in Kona einen 3:50er-Schnitt laufen sind wir ganz vorne dabei.“ Er schaut nur verdutzt auf seine Uhr und sagt mit einem fetten Fragezeichen im Gesicht: „Woher weißt Du denn das? Wir laufen genau 3:50 min./km.“ Fazit: Körpergefühl hilft! Denn dieser Athlet qualifiziert sich regelmäßig nicht für Kona, weil er (neben ein paar anderen Baustellen) ein Thema mit dem Pacing hat. Hier oben im Höhentraining in St. Moritz hält das meine WG-Mitbewohnerin ganz anders. Ja, sie hat auch eine Uhr, diese zeigt aber nur die Uhrzeit an und hat eine Stoppuhr-Funktion. Reicht völlig. Kostenpunkt: 5 Euro.

Verletzungen

Ein nicht zu unterschätzender Punkt ist aus meiner Sicht auch, dass sich viele Verletzungen und Krankheiten vermeiden lassen würden, wenn man nicht so krampfhaft an irgendwelchen völlig arbiträren Puls- oder Watt-Werten festhalten, sondern wieder mehr nach Gefühl trainieren würde.

Nur so ein paar Ideen zum darüber Nachdenken…

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