Die Wechsel

Die vierte Disziplin im Triathlon

Triathlon wird nach wie vor von vielen Menschen als einfache Addition der drei Sportarten Schwimmen, Radfahren und Laufen begriffen. Tatsächlich könnte man, wenn man eine einfache Ergebnisliste ansieht, auf diesen grob vereinfachenden Gedanken kommen. Da steht dann nämlich meistens einfach eine Gesamtzeit und die drei Einzelzeiten. Aber da gibt es noch die vierte Disziplin im Triathlon – die Wechsel.

In der Praxis könnte diese unzulässige Simplifizierung nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Das X in obiger Gleichung soll es andeuten. Es gibt da noch jede Menge Variablen, die nicht in das Schema S + R + L passen, das Endergebnis aber deutlich beeinflussen. Das beginnt schon bei einer genaueren Ergebnisliste, in der auch die Wechselzeiten aufgelistet sind. Merke:

„Die Wechsel sind die vierte Disziplin im Triathlon“!

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Limitierende Faktoren

Aber auch darüber hinaus sind (1) viele andere Variablen für ein bestmögliches Ergebnis im Spiel und (2) bedingen sich einige dieser Variablen. Spannend ist beispielsweise der nach wie vor vorherrschende Glaube, man müsse lediglich die drei Einzelsportarten trainieren (und vielleicht noch die Wechsel), ansonsten aber im Rennen diesen Bedingungen keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Und dann wird z.B. im Wasser gekeult, als gäbe es kein Morgen mehr (bzw. keine Radstrecke), man kommt schon völlig „blau“ an der ersten Wendeboje mit Laktat 6 mmol/l an…und wundert sich dann, dass der Rest des Rennens nicht ganz so gut läuft, wie man sich das ausgemalt hat. Stichwort „ausgemalt“: Ein Klassiker in den über 30 Jahren Triathlon-Erfahrung ist immer wieder, dass Athleten und Trainer sich anhand von Trainingsdaten (vermeintlich „harte Fakten“) in ihrer Technikgläubigkeit dazu hinreissen lassen, Vorhersagen über Rennergebnisse zu machen. Da möchte ich jedem Athleten zurufen: „Bleibt von solchen Coaches weg!“ Und am Ende des Tages bleibt wieder einmal ein frustrierter Athlet zurück, der sich doch den Wettkampf (und vor allem das Ergebnis) „so schön ausgemalt“ hat und „weit hinter seinen Trainingsergebnissen zurück geblieben ist“.

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WTS Yokohama

Eines der unzähligen Beispiele ist einmal mehr das aktuelle WTS-Rennen vom Wochenende, wo die Jungs (Nieschlag & Schomburg) an der Spitze aus der T2 laufen…um dann noch drei Minuten beim abschließenden Laufen aufgebrummt zu bekommen (in Worten: DREI MINUTEN!) und auf die Plätze 26 und 42 durchgereicht zu werden. Und als hätten wir es nicht schon mal gehört, kommt dann einer der Standard-Kommentare: „Ich konnte beim Laufen heute nicht zeigen, was ich drauf habe“ (Zitat Schomburg in der offiziellen DTU-Pressemitteilung). Leute, Leute, Leute! Wenn ich so einen Satz schon wieder höre!

Da hat ein Athlet unter „Laborbedingungen“ (auf der Bahn, im Pool) eine bestimmte Idealleistung abgeliefert (bevorzugt bei einer „Leistungsüberprüfung“ im deutschen Winter) und jetzt wird auf eine Saisonleistung im Sommer extrapoliert. Und die Lernkurve ist … einmal mehr recht flach bis nicht-existent. Die gleichen Leistungsmessungen, die gleichen Vorankündigungen, die gleichen schlechten Ergebnisse und die gleichen Sprüche hinterher. Null gelernt. Sehr schade für alle Beteiligten und für unseren Sport.

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Die Radlastigkeit der Deutschen

Und dann ist da – gerade auf der Langdistanz – die Radlastigkeit von uns Deutschen, die ich seit den Anfangstagen sehe. Wir waren schon immer ein Land der Radfahrer. Das war in meinen Anfangsjahren schon so (Zäck, Leder, Dittrich (okay, der konnte auch noch schwimmen), später Hellriegel, Stadler, Al-Sultan, heutzutage Kienle, Böcherer, Stein). Glücklicherweise haben wir auf der Langdistanz ein paar Ausnahme-Talente wie Frodeno (der gar keine Schwäche hat) und Lange (der das absolute Laufwunder ist).

Gerade beim Liga-Rennen in Waiblingen fiel mir das (auf einer ganz anderen Leistungsebene) wieder auf. Unsere Mannschaft vom TV Forst war mit einer 8:00 über die 500 Meter das schnellste Team und gehörte auch mit einer 5k-Zeit von knapp unter 20 Minuten zu den Top-Performern. Aber Radfahren konnten sie irgendwie alle.

Und wenn ich mir über die vielen Jahre die Kommunikation anschaue, meine ich ebenfalls eine klare Dominanz herauszuhören. Da wird ständig über das Rad-Setup gesprochen, über die schnellsten Laufräder, über Aero-Position und natürlich wird in sündhaft teure Boliden investiert und in jede Menge (v.a. Rad-) Trainingslager. Und dann wird ein bis zwei Mal pro Woche geschwommen und das Laufen ist häufig ganz verpönt (ist ja auch schwer, ich sehe es ein).

Triathlon als Gesamteinheit

Was ich häufig gänzlich vermisse ist der Gedanke, dass Triathlon wie ein Körper ist – alles hängt irgendwie mit allem zusammen. Wenn ich mich beim Schwimmen schon voll abschiesse, dann hat das eben Auswirkungen für mein Radfahren und mein Laufen. Das gleiche gilt insbesondere für das Radfahren: Wenn wir uns die Zeiten in den Age Groups ansehen, muss einem fast schlecht werden. Da sind nicht selten die Laufzeiten gar nicht so viel schneller als die Radzeiten. Das darf doch nicht wahr sein!

Disclaimer: Das gilt selbstredend nicht für die Profis (wo taktische Spielchen eine Rolle spielen) und für alle Lust-und-Laune-Trias. Aber unter uns ambitionierten Amateuren ist ökonomische Prinzip offensichtlich nicht sehr weit verbreitet in der Anwendung.

Und ganz offensichtlich haben die Meisten noch nie etwas vom ökonomischen Prinzip gehört:

Was ist mein Ertrag (Nutzen, Ergebnis) und mit welchem Aufwand habe ich mir diesen erkauft?

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